Singelust

Marianne war ein halbes Jahr nicht in der Gesangstunde. Ihre Stimme klingt brüchig, hat keinen Umfang, der Atem ist relativ kurz. Wir steigen wieder ein. Verfolgen die Bewegungen der Mundwinkel auf dem Weg von A nach O. Sofort klingt die Stimme wärmer, hat mehr Tiefe und Höhe. Jetzt beobachten wir die Zungenbewegung von A nach Ä. Wie verhält es sich mit dem Kiefer? Oder wie ist das Spiel zwischen Zungenbewegung und der Bewegung im hinteren Rachen? Langsam fangen die Bewegungen an miteinander zu korrespondieren. Die Stimme wird wärmer, klingt sonorer und kräftiger. Aber ist noch weit von der gewohnten Form entfernt.

Körperbewegungen

Jetzt werden die Singaktivitäten mit Körperbewegungen kombiniert. Wenn sich der Kiefer öffnet, hebt sich die Nase bzw. der Kopf ein wenig, wenn er sich schließt senkt sie sich. Marianne darf auch den Fuß kreisen lassen und dabei beobachten, wie die Fußbewegung zur Zungenbewegung und zum leichten Heben des Kopfes passt. Wer führt jetzt die Bewegung? Die Mundwinkel bzw. die Zunge, der hintere Rachenbereich, der Kopf oder der Fuß? Die Übung wird auf drei Töne einer Leiter verteilt und eine weitere Variable kommt dazu: die Tonhöhenregulierung. Wer führt jetzt? Dann nehmen wir noch eine bekannte Übung aus der Körperarbeit. Bei dem Himmelstreppchen aus dem Kindergarten wird der Zeigefinger der einen Hand mit dem Daumen der anderen Hand zusammengelegt, ca. 3 cm darüber der Daumen und Zeigefinger der jeweils anderen Hand. Die unteren beiden Finger werden gelöst und darüber wieder zusammengeführt. Dieser Vorgang wird wiederholt, so entsteht ein kleines Treppchen, über das die Finger parallel zum Singen laufen.

Wer führt?

Die Herausforderung wird deutlich. Das Singen verliert zuerst einmal an Qualität, es müssen die Parameter geklärt werden. Wieder ist die Frage nach der Führung im Vordergrund: Tonhöhenregulierung oder Klangfarbenbewegung? Artikulationsbewegungen von Mundwinkel und Zunge oder hinterer Rachen? Laufen Himmelstreppchen und Fußkreisen locker und gleichmäßig weiter, während sich die Aufmerksamkeit mehr dem Singen zuwendet? Das System von Marianne arbeitet auf Hochtouren, wir amüsieren uns. Die Ergebnisse sind beeindruckend. Der Stand von vor sechs Monaten ist innerhalb einer halben Stunde wieder da. Als ob der Körper sich erinnert und mit offensichtlichem Vergnügen die früher freigelegten Funktionen wieder ergreift. Der Funke springt auch auf mich über, die Singelust ist wieder erlebbar.

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